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Warum bin ich so, wie ich bin?

"Wie war deine Kindheit?" Wenn du diese Frage liest, fällt es dir dann schwer, sie zu beantworten? Musst du erst lange und intensiv darüber nachdenken, wie die ersten Lebens-jahre für dich waren? Bereitet es dir Schwierigkeiten, sich an die Ereignisse und die Atmos-phäre deiner frühen Kindheit zu erinnern? Wahrscheinlich nicht. Denn wie wohl jeder Mensch hast auch du dich vermutlich zu irgendeinem Zeitpunkt deines Lebens mit deinen Anfängen beschäftigt und sich gefragt, was Vater und Mutter für Persönlichkeiten waren und wie du von diesen Menschen beeinflusst und geprägt worden bist. Je nachdem, welche Antworten du gefunden hast, kann deine Reaktion auf die Frage "Wie war die Kindheit?" sehr unter-schiedlich ausfallen.

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Möglicherweise erzählst du, ohne groß nachzudenken, dass deine ersten Jahre schon ganz in Ordnung waren. Na klar, Eltern machen Fehler, aber das ist doch normal. Alles in allem war die Kindheit sogar glücklich. Auf jeden Fall war sie "ganz normal".


Denkbar ist aber auch, dass du auf die Frage "Wie war deine Kindheit?" von vornherein mit der klaren, eindeutigen Antwort "schlecht" reagierst. Vielleicht aktiviert diese Frage einen mühsam unterdrückten Groll. Du bist davon überzeugt, dass du heute ein anderer Mensch wärst, wenn du andere Eltern und damit bessere Startchancen gehabt hättest. Möglicherweise wärst du dann unabhängiger, selbstständiger, hättest weniger Probleme, kämst mit anderen Menschen besser zurecht, hättest glücklichere Liebesbeziehungen, ein positiveres Selbstbild, wärst optimistischer … kurz, du wärst ein ganz anderer Mensch, wenn deine Kindheit besser gewesen wäre.


Aber vielleicht hast du gar keine konkrete Erinnerung an früher. Was früher war, wen interessiert das schon? Wozu soll es gut sein, in der Vergangenheit herumzustochern? Du glaubst an die Eigenverantwortung und daran, dass jeder seines Glückes Schmied und damit auch selbst verantwortlich dafür ist, ob es ihm gut oder schlecht geht. Wenn du so über deine eigene Vergangenheit denkst, wenn du dich an gar nichts oder wenig aus der frühen Kindheit erinnerst, dann könnte das ein Hinweis darauf sein, dass ein klarer Blick auf das Früher für dich zu schmerzhaft wäre und du deshalb bestimmte Abwehrmechanismen entwickelt hast, um sich nicht erinnern zu müssen. Du hast dann scheinbar vergessen, was geschehen ist – und das war früher, als du klein warst, die beste Lösung.

Denn diese Mechanismen schützten dich davor, die Wahrheit über das Geschehen in vollem Ausmaß zu begreifen. Es half dir, in einer unwirtlichen Umgebung, mit ablehnenden, stra-fenden, überbehütenden, gleichgültigen Eltern zu überleben. Und sie helfen dir noch heute, weil du dich mithilfe dieser Abwehrmechanismen die Illusion erhalten kannst, dass Vater und Mutter gute Eltern gewesen sind, dass diese dich geliebt und nichts falsch gemacht haben.


Ein 60-jähriger Mann, der nach dem Scheitern einer dritten Ehe psychologische Beratung aufsucht und sein Leben ordnen will, erinnert sich in der Therapie an seine Mutter. Sie war eine sehr schöne Frau, die sehr wohl schöne Mutter, die so ganz anders war als andere Mütter. Als die Therapeutin behutsam thematisiert, dass er möglicherweise gar keine richtige Mutter gehabt hatte, dass er nicht wirklich Sohn sein durfte, sondern nur der Mutter als Spiegel, als Partnerersatz dienen sollte und dass dies möglicherweise etwas mit seinen Problemen mit Frauen zu tun haben könnte, reagiert er heftig ablehnend. Seine Mutter war die beste Mutter, die er sich nur denken konnte. Sie habe nichts, aber auch gar nichts mit seinen Beziehungsschwierigkeiten zu tun.


Eine junge Frau meint, eine "ganz normale" Kindheit gehabt zu haben, "mit beiden Eltern würde ich sagen". Ihre Mutter beschreibt sie als "fürsorglich, liebevoll und unterstützend". Gefragt, was sie unter "fürsorglich" versteht, meint sie unter anderem: Die Mutter "war immer da und hat auf mich aufgepasst, um sicherzugehen, dass ich mich richtig verhielt und dass ich nichts anstellte." Auf die Nachfrage, wie die Mutter sich verhielt, wenn es ihr schlecht ging, erinnert sie dann aber folgendes. Sie habe sich mal beim Spielen den Arm gebrochen. "So was in der Art hat meine Mutter wütend gemacht, sie hasste solche Sachen … Sie mochte keine Heulsusen. Ich habe immer versucht, nicht zu weinen, weil sie so ein starker Mensch war." Der Widerspruch zu ihrer Beschreibung, dass die Mutter "fürsorglich" war, fällt dieser Frau nicht auf. Im Gegenteil: Sie bleibt bei ihrer Aussage "Ich hatte eine schöne Kindheit."


Für den Psychiater und Bindungsforscher Karl-Heinz Brisch sind Beispiele wie diese

(letzteres stammt aus seinem Buch Bindung und seelische Entwicklungswege ) Belege dafür, dass Menschen mit frühen negativen Erfahrungen nicht an ihrem Kindheitsbild "Alles in Ordnung" rütteln wollen. Die Angst vor dem Verdrängten ist so groß, dass der Schutz vor der Wahrheit unbedingt aufrechterhalten werden muss. Aus eigener Kraft können nur wenige diesen Mechanismus durchschauen. Erst wenn sie zum Nachdenken angeregt werden, wenn ihre positiven Aussagen hinterfragt werden oder sie nach konkreten Beispielen und

Erinnerungen gefragt werden, beginnen sich der Nebel, der über ihrer Kindheit liegt, zu lichten.

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