„Morgen mach ich es, ganz sicher“ - vom Leid des Aufschiebens

Prokrastinieren bedeutet aufschieben. Unangenehme oder ungeliebte Aufgaben immer wieder auf den nächsten Tag, die nächste Woche oder den nächsten Monat zu verschieben. Wir zögern damit eine anstehende Aufgabe vorsätzlich hinaus, obwohl damit negative Folgen vorprogrammiert sind.

Wir stürzen uns in unwichtige Tätigkeiten, statt zu tun was dringend nötig ist - die Steuererklärung, das Vorbereiten auf eine wichtige Prüfung, den Termin beim Arzt oder ähnliches.


Das kann zu Stress und Schuldgefühlen führen. Viele Menschen ertappen sich dann und wann beim Prokrastinieren, doch bei einem von fünf Menschen, wird das zu einem echten Problem. So stark, dass sich dadurch persönliche Belastungen ergeben. Betroffene klagen über depressive Verstimmungen, Stress, mangelnde Produktivität und Probleme mit dem Selbstwertgefühl.


Am härtesten trifft es die, welche ihr Arbeitsumfeld selbst gestalten, wie etwa Studenten, Freiberufler und Selbstständige. Jeder zweite Student beschreibt bei einer Befragung Probleme mit dem Prokrastinieren.



Die liebe Selbstkontrolle

Psychologen vermuten, dass Selbstkontrolle hinter dem Problem steckt. Der Medienpsychologe Adrian Meier, von der Universität Mainz, betreibt Forschungen über die sogenannte „Aufschieberitis“. Auch die Internetnutzung ist ein Bereich, der in Zusammenhang mit der Prokrastination an der Uni Mainz erforscht wird. Die Fähigkeit zur Selbstkontrolle ziehe sich durch alle Lebensbereiche, so Meier. Dabei gehe es auch im Fragen wie, esse ich noch ein Stück Kuchen oder bleibe ich noch auf ein Bier länger?


Eine repräsentative Befragung in Deutschland mit mehr als 2500 Teilnehmern, ergab, dass 14 - 29-Jährige am stärksten betroffen sind. Das ließe sich damit erklären, dass unsere Fähigkeit zur Selbstkontrolle im Alter größer wird. Und auch damit, dass Jugendliche und junge Erwachsene eine besondere Neigung zur Nutzung sozialer Netzwerke haben. Denn hier ist der Weg zur Aufschiebung nur noch einen Klick entfernt.


Facebook, Instagram und Co

Warum nicht noch kurz Facebook oder Instagram checken? Adrain Meier meint dazu, dass wir diese Seiten oft aus Gewohnheit aufrufen und gar nicht mehr bewusst darüber nachdenken, wir klicken automatisch, wie ein „Autopilot“. Bleibt es bei einer kurzen Unterbrechung der eigentlichen Aufgabe, die wir erledigen, so stellt das kein großes Problem da. Verweilen wir hingegen länger als geplant, kann das problematisch werden und Wiederum zur klassischen Aufschieberitis werden.


Meier konnte mit Kollegen zusammen in einer Studie mit 700 Teilnehmern zeigen, dass besonders diejenigen, die nur über eine schwache Fähigkeit zur Selbstkontrolle verfügen, besonders zum Aufschieben via Facebook neigen. Meier und seine Kollegen nennen es „Faceboocrastination“. Die Betroffenen nahmen ihre Nutzung von Facebook als besonders problematisch wahr und klagten über besonders hohe Belastungen im Studium.


In diesem Zusammenhang wurde auch festgestellt, dass die Prokrastination häufig zusammen mit anderen pathologischen Erscheinungen auftritt. Etwa mit Neigung zu Depression, Angst und übertriebenem Perfektionismus. In der Uni Münster können sich Betroffene in einer Beratungsstelle für Prokrastination helfen lassen.



Gegenmittel für Aufschieberitis

Aber es gibt wirksame Mittel dagegen. Als ersten Schritt, können sich Betroffene ein Arbeitsumfeld schaffen, das frei von Ablenkungen ist. Wer für die Ablenkung durch das Internet , vor allem soziale Netzwerke ist, kann sich die Anwendung für kurze Zeit selbst sperren. Dafür gibt es Anwendungen wie LeechBlock (für Firefox) oder StayFocussed (für Chrome). Diese erlauben ausgewählte Websites für einen bestimmten Zeitraum zu blocken. Auch die maximale Nutzungszeit pro Tag lässt sich damit eingrenzen.


In den Beratungsstellen werden auch Trainings angeboten, um das eigene Arbeitsverhalten besser zu strukturieren. Bewusstes Einlegen von Pausen oder das Zerstückeln von großen Aufgaben in Kleinere, gehören dazu.


Auch die eigene Akzeptanz und sich selbst verzeihen zu können, dass man mal wieder etwas aufgeschoben hat, kann vielen Betroffenen bereits helfen. »Es hilft oftmals, die eigenen Schuldgefühle zu überwinden«, so Adrian Meier. »Wir können einen wichtigen Lerneffekt erzeugen, indem wir uns selbst sagen, ich habe etwas falsch gemacht aber das nächste Mal bekomme ich es besser hin.«


Quelle: Spektrum


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